P-Seminar Integrationshilfe

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„Sie sind alle anders, und trotzdem sind sie genau wie du und ich“

Mit diesem Zitat einer Schülerin soll der Rückblick des P-Seminars mit Leitfach Religion unter dem Titel „Integrationshilfe“ beginnen.

Als ich als Kursleiterin das Seminar im Herbst 2015 den damaligen 10. Klässlern, die jetzt bald ihr Abitur machen werden, vorstellte, wussten weder ich noch die SchülerInnen genau, was auf uns zukommen würde. Deshalb wurden auch Flexibilität und Offenheit für die Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen als wichtige Voraussetzungen genannt.

Während manche Seminare lange auf ein großes Abschlussevent hinarbeiten, war unser Seminar grundsätzlich anders angelegt: Ganz regelmäßig – zum Teil zwei Mal in der Woche in Kleingruppen – haben wir die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge im Frida von Soden Haus (gleich neben dem AKG) besucht, um mit ihnen zu lernen, zu spielen und einfach Freizeit zu verbringen.

Stimmen aus dem Seminar dazu:

„Wir haben unser Seminar im Jahr 2016 gewählt, das mit dem Jahr 2015 eines der Hauptjahre ist, die der Begriff „Flüchtlingskrise in Deutschland“ beschreibt.“

„Ständig gab es Diskussionen über Obergrenzen, Grenzkontrollen und Asylverfahren. Deutschland hatte eine sehr große Herausforderung, denn Hilfe für so viele Menschen zu finden, ist eine schwierige Aufgabe. Es mussten Notunterkünfte geschaffen werden…, eine Unterkunft alleine reicht jedoch nicht, um einem Menschen gerecht zu werden.“

„Als uns die Seminare vorgestellt wurden, musste ich nicht lange darüber nachdenken, welches Seminar am anspruchsvollsten klang: Integration. (…) Auch rückblickend kann ich sagen, dass ich es keinesfalls bereue, Integration gewählt zu haben. Ich habe viele Erfahrungen und Erlebnisse sammeln können. Vor allem aber hat das Seminar eine wichtige Funktion: die Vermenschlichung von Flüchtlingen. In den Medien ist die Wortwahl gezielt, man spricht von einer „Flüchtlingskrise“ oder einem „Problem“, man wirft alle Flüchtlinge auf einen Haufen, spricht immer nur von „den Flüchtlingen“ oder „den Asylanten“, als wären sie alle eine Einheit, ein Wesen: man distanziert sich so von den echten Menschen mit echten Geschichten und echten Schicksalen.“

„Die meisten Deutschen werden nur in den Nachrichten mit der Situation konfrontiert. Das „Problem“ ist für sie nicht zugänglich. Deshalb ist bei dem Großteil dieser Menschen die Reaktion: nicht hinsehen und ignorieren. Sie haben kein Gesicht von Menschen in Not…“

„Es ist sehr interessant, über die Kulturen und Heimatländer der Jungs etwas zu erfahren, denn der Unterschied zwischen mancher solchen Ländern und Deutschland ist enorm. Wenn man solche Informationen aus erster Hand erhält, ist es manchmal viel besser nachzuvollziehen, wie schwierig es auch für Flüchtlinge ist, sich am Anfang in Deutschland und unserer Gesellschaft zurechtzufinden.“

„Seit einem Schuljahr stehe ich im regelmäßigen Kontakt mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Ich habe die „Jungs“ als freundliche, aufgeschlossene Jugendliche kennengelernt. Besonders bin ich über die guten Deutschkenntnisse, deren Ehrgeiz in der Schule und wie sie ihre Alltagsprobleme meistern, überrascht. Beim „Quatschen“ konnte ich einiges über ihre Heimat erfahren und ganz selten erzählten sie mir von ihrer Flucht nach Deutschland.“

„Weil sie anfangs von vielen Bürgern wahrscheinlich mehr Skepsis als Akzeptanz entgegengebracht bekommen haben, war es mir in diesem Seminar wichtig zu zeigen, dass ich nicht zu diesen Menschen gehöre und niemanden aufgrund seiner Herkunft und Religion verurteilen würde. (…) Deshalb war es für mich auch wichtig, dass wir als Gruppe zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass wir bereit sind, ihnen den Start in ein neues Leben zu erleichtern. (…) Außerdem sind die Erfahrungen … viel mehr Wert als das, was wir gegeben haben. Ich zum Beispiel kann sagen, dass es mir sehr viel mehr Selbstbewusstsein gegeben hat, mehr auf Unbekannte zuzugehen, ob Flüchtling oder nicht. Und dass Vorurteile, egal welcher Person gegenüber, völlig unangebracht und unnötig sind, da man nicht weiß, welchen Weg Menschen gehen mussten. Alles in allem hat mich das Seminar positiv gestärkt und ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte.“

Viele solcher berührenden Sätze durfte ich in den Abschlussberichten der SeminarteilnehmerInnen lesen. Neben manchen Herausforderungen, denen wir uns im Seminar zu stellen hatten, weil wir z. B. nie genau wussten, wie viele Jungs aus welchen Ländern und mit welchen Sprachkenntnissen da sein würden und auch die Leitung des Hauses während unserer Zusammenarbeit wechselte, haben wir doch alle unsere Begegnungen und das Miteinander als bereichernd erlebt und oft auch viel Spaß miteinander gehabt.

Mein Respekt und Dank an alle, die sich den Herausforderungen dieses Seminar gestellt haben und in der Tat sehr flexibel und offen sein mussten.

Anette Gerhard, P-Seminarleiterin, Zitate aus den Abschlussberichten der SeminarteilnehmerInnen